Wer sind Acton, Ellis und Currer Bell?
 

 

Betrachtet man die geringen Selbstverwirklichungsmöglichkeiten für Frauen im 19. Jahrhundert in England, so scheint es nur verständlich, dass die Brontë-Schwestern ihre ersten Bücher unter männlichen Pseudonymen veröffentlichen, wie viele Autorinnen dieser Zeit.

Dazu Charlotte: "Da wir unsere Identität nicht öffentlich preisgeben wollten, verbargen wir unsere Namen unter denen von Currer, Ellis und Acton Bell; die doppeldeutige Wahl wurde durch eine Art von Gewissensskrupel bestimmt, Vornamen anzunehmen, die eindeutig männlich waren, weil - ohne, dass wir es damals ahnten, unsere Art zu schreiben und zu denken, nicht die war, die man 'feminin' nennt - und wir eine schwache Ahnung hatten, dass man bei Autorinnen dazu neigt, ihnen mit Vorurteilen zu begegnen."

Das männliche Pseudonym ist im 19. Jh. für Schriftstellerinnen übrigens gängig.

Einige Beispiele:

  • die österreichische Schriftstellerin Bertha Eckstein Diener (1874-1948) veröffentlichte unter dem Pseudonym Sir Galahad

"Sir Galahad"

  • die Französin Lucile-Aurore Dupin (1804-1876) unter George Sand

George Sand

  • die Autorin von "Jenseits von Afrika", Baronin Blixen-Finecke, eine Dänin (1885-1962) bediente sich gar zweier männlicher Pseudonyme: Isak Dinesen und Pierre Andrezel. Den Roman "Jenseits von Afrika" veröffentlichte sie allerdings unter dem Namen Tania Blixen

Tania Blixen

  • die bekannte deutsche Dichterin Bettina von Arnim (1785-1859), von der sich meine Mutter zu meinem Vornamen inspirieren ließ, nannte sich St. Albin

Bettina von Arnim

  • am bekanntesten dürfte die Engländerin Mary Ann Evans (1819-1880) mit ihrem Pseudonym George Eliot sein. Die Liste ließe sich noch mit einigen weniger bekannten Autorinnen fortsetzen

Mary Ann Evans = George Eliot

Zehn Jahre bevor die drei Schwestern mit ihren Werken an die Öffentlichkeit traten, hatte Charlotte bereits ihre Fühler ausgestreckt und sich mit dem Gedanken beschäftigt, Schriftstellerin zu werden. Sie hatte es gewagt, an den damals beliebten Autor Robert Southey mit einem Brief heranzutreten und ihm einige Gedichte zur Begutachtung zu schicken.

Robert Southey

Doch Southey macht ihr in seinem Antwortbrief, der drei Monate später eintrifft und mit dem Charlotte schon gar nicht mehr gerechnet hatte, wenig Mut: "Literatur kann nicht die Hauptbeschäftigung im Leben einer Frau sein, und sie sollte es auch nicht sein. Je mehr sie sich den ihr eigenen Aufgaben widmet, desto weniger Muße wird sie für Literatur haben, sogar wenn sie diese lediglich als eine Ergänzung und Entspannung betrachtet."

Nach dieser Antwort beschließt Charlotte: "Ich vertraue darauf, dass ich niemals wieder den Ehrgeiz fühlen werde, meinen Namen gedruckt zu sehen. Und falls doch, werde ich Southeys Brief noch einmal lesen und den Impuls unterdrücken."

Doch später hat Charlotte diese Worte anscheinend wieder vergessen. Denn als sie entdeckt, dass ihre beiden Schwestern Anne und Emily genau wie sie selbst heimlich Gedichte schreiben, fasst sie den kühnen Plan, die Gedichte als Sammelwerk einem kleinen Londoner Verlag für religiöse Lyrik, dem Verlag Aylott und Jones, anzubieten.

Der Verlag übernimmt wie viele heutige Verlage kein Risiko, denn Gedichte sind damals wie heute äußerst schwer zu verkaufen. Er bietet den drei Schwestern an, die Gedichte auf ihre Kosten zu veröffentlichen und zu vertreiben. Die rund 40 Pfund, die die Schwestern für den Druck der tausend, 165 Seiten starken "Poems by Currer, Ellis and Acton Bell" und die Werbung ausgeben, ist eine für ihre Verhältnisse hohe Summe. Verkauft werden ganze zwei Exemplare zu je 4 Shilling.

Der Verlag verschickt Rezensionsexemplare an Literaturzeitschriften, in denen das Buch durchaus gute Kritiken bekommt, insgesamt stellt die Aktion jedoch einen gehörigen Misserfolg dar.

Es ist die typische Geschichte, die auch heutige Autorinnen mit Zuschussverlagen erleben. Die Bücher werden auf Kosten der Autorinnen gedruckt und landen dann in der Lagerhalle des Verlags oder in den Kellern oder auf Dachböden der hoffnungsvollen Schreiberinnen.

Unsere Schwestern beschließen, vielleicht aus einer Laune heraus, einige ihrer Belegexemplare an die damals berühmten Dichter Tennyson, Wordsworth, Lockhart und de Quincey zu schicken.

Tennyson

Lockhart 

de Quincey

Charlottes Begleitbrief erscheint uns amüsant: "Meine Verwandten Ellis und Acton Bell und ich haben, ungeachtet der wiederholten Warnungen angesehener Verleger, den unbesonnenen Akt begangen, einen Versband drucken zu lassen. Die vorausgesagten Folgen haben uns natürlich überrascht; unser Buch erweist sich als ein Ladenhüter: kein Mensch braucht oder beachtet es. Im Zeitraum von einem Jahr hat unser Verleger lediglich zwei Exemplare abgesetzt, und durch welch mühsame Anstrengung es ihm gelang, sich ihrer zu entledigen, weiß nur er selbst. Bevor wir die Ausgabe dem Trödler überlassen, haben wir uns entschlossen, einige der unverkäuflichen Exemplare als Geschenke zu verteilen; wir erlauben uns; Ihnen eines davon zu übersenden als Dank für das Vergnügen und den Gewinn, den wir oft und über lange Zeit aus Ihren Werken geschöpft haben."

 

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