Leidenschaft Charlottes für Monsieur Heger
 

 

Ein Zitat von Charlotte:

"Was heftige Leidenschaft betrifft, bin ich überzeugt, dass sie kein wünschenswertes Gefühl ist. Zum ersten wird sie selten oder nie ihren Lohn finden; und zweitens, wenn dies der Fall sein sollte, wird das Gefühl nicht dauerhaft sein. Es wird während der Flitterwochen andauern und dann Abscheu Platz machen oder Gleichgültigkeit, die vielleicht noch schlimmer ist als Abscheu. Auf Seiten des Mannes wäre dies gewiss der Fall; und auf Seiten der Frau - Gott steh' ihr bei, sollte sie mit ihrer leidenschaftlichen Liebe allein gelassen werden. Ich bin ziemlich fest davon überzeugt, dass ich niemals heiraten werde. Das sagt mir die Vernunft, und ich bin nicht so vollkommene Sklavin des Gefühls, um nicht zuweilen ihren Ruf zu vernehmen."

Die Vision von der mit leidenschaftlicher Liebe allein gelassenen Frau soll sich für Charlotte in der Beziehung mit Monsieur Heger, ihrem Lehrer in der Schule in Brüssel, bewahrheiten, obwohl sie schon lange vorher erkannt hat: "Wenn eine Frau jemals so sehr liebt, dass ein raues Wort oder ein kalter Blick ihr ins Herz schneidet, ist sie eine Närrin."

Zwei Jahre lang schreibt Charlotte mit einer unglaublichen Leidenschaft und Hartnäckigkeit Liebesbriefe an Monsieur Heger. Nach einigen farblosen Antworten von ihm, reißt der Kontakt seinerseits ab.

Woher wissen wir dann also von Charlottes Briefen? Monsieur Heger zerreißt die Briefe Charlottes und wirft sie in den Papierkorb, aus dem seine Frau, die Schulleiterin des Instituts Heger, sie herausholt und sorgfältig wie ein Detektiv wieder zusammennäht und aufbewahrt. Nach Madame Hegers Tod findet Constantine Heger die alten Briefe und wirft sie erneut fort. Charlotte ist mittlerweile eine berühmte Schriftstellerin, und die Tochter der Hegers begreift, als sie die abermals weggeworfenen Briefe Charlottes im Papierkorb entdeckt, dass sie einen Wert haben könnten. Auf diese Weise sind vier der Briefe erhalten geblieben.

The Love Letters of Charlotte Brontë to Constantin Heger,
London 1914, printed for private circulation only.

Es handelt sich um eine unautorisierte Ausgabe, die der Verleger Thomas J. Wise in einer Auflage von 30 Stück herausgab

 

Einige Auszüge, die die irrsinnige Besessenheit Charlottes verdeutlichen:

"Tag und Nacht finde ich weder Ruhe noch Frieden. Im Schlaf werde ich von quälenden Träumen heimgesucht, in denen ich Sie erblicke ..."

"Alles, was ich weiß, ist, dass ich nicht die Freundschaft meines Lehrers gänzlich verlieren kann, will - lieber will ich die größten physischen Schmerzen erleiden ... Wenn mein Lehrer mir seine Freundschaft gänzlich entzieht, werde ich völlig hoffnungslos sein - wenn er mir davon ein wenig - nur ein klein wenig - gibt - werde ich zufrieden - glücklich sein; ich werde einen Grund zum Leben -, zum Arbeiten haben. Monsieur, es ist nicht viel, dessen die Armen bedürfen, um sich zu ernähren - sie bitten nur um die Brosamen, die von des Reichen Tafel fallen - doch wenn man ihnen diese verweigert, sterben sie Hungers. Auch ich benötige nicht viel Zuneigung von denen, die ich liebe, eine rückhaltlose und vollständige Freundschaft würde mich verwirren - daran bin ich nicht gewöhnt. Aber Sie haben mir vorzeiten ein kleines Interesse entgegen gebracht, als ich in Brüssel Ihre Schülerin war - und an das Fortdauern dieses kleinen Interesses klammere ich mich - ich hänge daran, als wäre es mein Leben."

Und in ihrem letzten bekannten Brief schreibt sie:

"Ich muss Ihnen offen sagen, dass ich in der Zwischenzeit versucht habe, Sie zu vergessen ... Ich habe alles getan, ich habe mir Beschäftigungen gesucht, ich habe mir strikt das Vergnügen verboten, von Ihnen zu sprechen, auch gegenüber Emily - doch ich habe weder meine Betrübnis noch meine Ungeduld besiegen können - das ist etwas Demütigendes ... Sklavin einer beherrschenden Idee zu sein, die den Geist tyrannisiert ... Wenn ein tristes und andauerndes Schweigen mir anzeigt, dass mein Lehrer sich von mir zurückzieht - wenn ich Tag für Tag auf einen Brief warte und wenn Tag für Tag die Enttäuschung mich in eine schmerzliche Niedergeschlagenheit zurückwirft und diese süße Freude, Ihre Handschrift zu sehen ..., wie eine leere Vision vor mir flieht, dann wird mir fiebrig - ich verliere den Appetit und den Schlaf - ich schwinde dahin."

Zwei Jahre sind eine lange Zeit für eine solch fruchtlose Leidenschaft. Charlotte überwindet sie schließlich, indem sie darüber in Gedichten und ihren Romanen schreibt.

 

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