Anne und Emily werden Opfer der Tuberkulose,

Charlotte wird berühmt

 

 

Für Anne und Emily ist in 1848 ihre Schriftstellerinnenkarriere zu Ende: Im September des Jahres 1848 stirbt zunächst der Bruder Branwell im Alter von 31 Jahren, im Dezember folgt ihm Emily, Alter 30 Jahre, und kurz darauf im Januar 1849 wird Annes Krankheit als tödlich diagnostiziert; im Mai 1849 ist Anne, damals 29-jährig, ihrer Krankheit bereits erlegen. Alle drei hatten die damals weit verbreitete und unheilbare Tuberkulose.

Annes Grab in Scarborough

Grabplatte in der Kirche in Haworth

Zur Zeit der Brontës war die Tuberkulose eine der häufigsten Todesursachen. Die Menschen waren sich über die Entstehung der Krankheit nicht im Klaren. Die damalige medizinische Theorie brachte die Tuberkulose in Zusammenhang mit dem melancholischen Charakter, einem von den vier schon seit der griechischen Antike eingeführten Temperamenten. Der melancholische Charakter ist der des Künstlers: überlegen, empfindsam, schöpferisch. Obwohl natürlich auch unzählige arme Arbeiter an Tuberkulose, oder Schwindsucht/Auszehrung wie man die Krankheit bezeichnete, starben, wurde sie in erster Linie in Verbindung mit Künstlern gebracht. Die Verknüpfung von Tb und Kreativität war so stark in den Menschen verankert, dass gegen Ende des 19. Jh. das Verschwinden der Krankheit für den vermeintlichen Niedergang von Literatur und der bildenden Künste verantwortlich gemacht wurde.

Einige berühmte Künstlerinnen und Künstler, die mit den Brontës das Schicksal Tb teilten:

  • Frederic Chopin, der Komponist (gest. mit 39)

  • D. H. Lawrence, der Autor von "Lady Chatterly" (gest. mit 45)

  • Robert Louis Stevenson, der Autor von "Die Schatzinsel" (gest. mit 44)

  • John Keats, der berühmte englische Dichter (gest. mit 26)

  • Percy Shelley, der Dichterfreund von Keats (gest. mit 29)

  • Edgar Allen Poe, der amerikanische Autor von phantastischer Literatur (gest. mit 40)

  • Anton Tschechow, russischer Schriftsteller und Dramatiker (gest. mit 44)

  • Simone Weil, französische Philosophin (gest. mit 32)

  • Jean Vigo, französischer Filmregisseur der ersten surrealistischen Filme (gest. mit 29)

  • Joachim Ringelnatz, deutscher Dichter (gest. mit 53)

  • Carl Maria von Weber, deutscher Opernkomponist ("Der Freischütz", gest. mit 40)

  • Hermann Goetz, Opernkomponist (gest. mit 36)

Nur einer der Aufgeführten wurde älter als 45 Jahre, Keats starb von dieser Gruppe als Jüngster mit 26 Jahren.

Da die Krankheit in Künstlerkreisen grassierte, setzen sich auch viele Werke in Literatur und Oper mit Tb auseinander, z.B. der Roman von Thomas Mann "Der Zauberberg" oder die Opern "La Traviata - Die Kameliendame" von Verdi und "La Boheme" von Puccini.

Die Krankheit Tb gilt neben Tollwut, Milzbrand und Scheintod als "natürliche" Erklärung für die Entstehung des Vampirmythos im 19. Jahrhundert.

Erst 1882 entdeckte Robert Koch das Tuberkel-Bakterium und erst 40 Jahre später konnte man einen wirksamen Impfstoff entwickeln.

In den Entwicklungsländern ist Tb bis heute eine gefürchtete Seuche; durch zunehmende Antibiotikaresistenz und schlechter werdende Impfhygiene bedroht sie ansteigend wieder die Bevölkerung in den Industrieländern.

20 % der Weltbevölkerung ist heute noch an Tb erkrankt, und für jährlich 3-5 Millionen Menschen weltweit stellt Tb die Todesursache dar.

Zurück zu den Brontës:

Emily hinterlässt uns den einzigartigen Roman "Sturmhöhe" und ihre leidenschaftlichen Gedichte, Anne ihre zwei realistischen und z.T. stark autobiografischen Romane "Agnes Grey" und "Die Hüterin von Wildfell Hall" und ebenfalls ihre Gedichte.

Charlotte bleibt mit ihrem alten, schwer sehbehinderten Vater im Pfarrhaus in Haworth zurück. Sie soll ihre Geschwister um 6 Jahre überleben. In der Zeit schreibt sie noch zwei Romane, die jeweils im Verlag Smith & Elder gute Erfolge werden, die Power von "Jane Eyre" allerdings nicht mehr erreichen.

Bereits Anfang der 50er Jahre des 19. Jh. sickert durch, dass Currer Bell in Wirklichkeit eine Frau ist und um wen es sich handelt. Charlotte soll noch erleben, wie es ist, eine gefeierte Bestseller-Autorin zu sein. Bereits zu ihren Lebzeiten wird der hässliche Ort Haworth zum Kultplatz für Literaturtouristen und hat seine Anziehungskraft bis heute nicht verloren, ganz im Gegenteil.

Charlottes tragbarer Schreibkoffer

zurück zum Inhaltsverzeichnis