Die Internatsschule Cowan Bridge
 

 

Der Witwer mit 6 kleinen Kindern, Pastor Brontë, wird sich irgendwann Gedanken über die Zukunft seiner aufgeweckten Kinder gemacht haben, denn sein Gehalt und sein Wohnrecht in Haworth sind auf seine Lebzeit befristet, und ein Erbe ist von seiner Seite nicht zu erwarten.

Das Pfarrhaus in Haworth

Ob es ihm gelingen würde, seine Töchter gut zu verheiraten, steht in den Sternen, und unverheiratet bleibt ihnen nur der Weg offen, sich als Gouvernanten oder Lehrerinnen zu verdingen. Für diese Berufswege ist in jedem Fall eine solide schulische Bildung vonnöten, die z.B. englische Grammatik, Fremdsprachen, Klavierspiel und Gesang sowie Zeichnen und natürlich Haushaltsführung und Handarbeiten beinhaltet.

So scheint es Pastor Brontë ein glücklicher Zufall zu sein, dass in der relativen Nähe von Haworth eine Internatsschule für Klerikertöchter eröffnet wird, die er sich für die 4 ältesten Töchter Maria, Elisabeth, Charlotte und Emily leisten kann. Anne ist mit 4 Jahren noch zu jung für die Schule, und Sohn Branwell kann ja nicht auf eine Mädchenschule gehen, daher unterrichtet Pfarrer Brontë ihn weiterhin zu Hause. Geleitet wird die Mädchenschule namens Cowan Bridge von Reverend Carus Wilson, einem Mann mit tadellosem Ruf, der sich einen Namen durch das Verfassen pädagogischer Fachliteratur gemacht hat.

Reverend Carus Wilson

Die öffentliche Erziehung Mitte des 19. Jh. steht in krassem Gegensatz dazu, was die Brontë-Kinder von ihrer häuslichen Erziehung gewohnt sind. Das, was in Cowan Bridge passiert, würde man heute als schwere Kindesmisshandlung bis hin zu offenem Sadismus ansehen. Die pädagogischen Traktate des Rev. Wilson sprechen für sich: Er will z.B. den Mädchen ihre ihnen eigene "Putzsucht" austreiben, notfalls - Gott auf seiner Seite - mit Gewalt. Luxuswünsche und Verwöhntheit sollen ersetzt werden durch Abhärtung, Geduld, Demut, Selbstverleugnung.

Ein Vierteljahrhundert später sind in Charlotte die Erlebnisse in der Internatsschule noch so gegenwärtig, dass sie Cowan Bridge unter dem Namen Lowood und Mr. Wilson unter dem Namen Mr. Bocklehurst in ihrem Buch Jane Eyre ein unrühmliches Denkmal setzt. Der Name Lowood scheint gut gewählt, ist dies der Name des Gefängnisses Napoleóns auf der Insel St. Helena.

Die Schule Cowan Bridge, Holzschnitt von Joan Hassall

Charlotte, die damals in Cowan Bridge 8 Jahre alt ist, liefert uns später als Schriftstellerin in Jane Eyre offenbar eine äußerst detailgetreue Beschreibung der Schulzustände, des Rev. Wilson, der überforderten Lehrerin, die uns im Roman als Miss Scratcherd begegnet. Die Lehrerin scheint so gut getroffen zu sein, dass eine ehemalige Mitschülerin Charlottes im Gespräch mit Charlottes Biografin Gaskell die Lehrerin nicht bei ihrem richtigen Namen nennt, sondern nur von Miss Scratcherd spricht. Als zwei Jahre nach Charlottes Tod die gut recherchierte Biografie "The Life of Charlotte Brontë" der Autorin Elisabeth Gaskell über sie erscheint, in der auch ein Kapitel von Charlottes Aufenthalt in Cowan Bridge handelt, zettelt der Sohn des Rev. Wilson eine Protestaktion gegen Charlottes Ehemann sowie den Verlag Frau Gaskells (der auch Charlottes Verlag ist) an. Der Sohn stützt seine Kampagne auf zahllose Dankesschreiben ehemaliger Schülerinnen und zwingt den Verlag, einige Passagen, die von Cowan Bridge handeln, in einer späteren Auflage zu entfernen bzw. zu schönen.

Die Biografin Gaskell

Allein für den Teil über Cowan Bridge alias Lowood im Roman "Jane Eyre" lohnt sich die Lektüre. Viele der beschriebenen Szenen, die die beiden kleinen Mädchen Jane Eyre und Helen Burns erleben, prägen sich der Leserin unauslöschlich ins Gedächtnis ein.

Faszinierend an der Lektüre von Jane Eyre ist, dass Jane mehrmals in dem Roman in psychisch untragbare Lebenssituationen gerät. Eine davon ist die Lowood-Schule. Während ihre fiktive Schulfreundin Helen Burns (die möglicherweise nach dem Vorbild von Charlottes ältester Schwester Maria geschaffen wurde) sich in die Zustände in der Schule fügt und dabei stirbt, begehrt Jane - wie auch in den anderen schwierigen Entwicklungsstationen im Roman - gegen die Verhältnisse auf.

Dazu ein Zitat aus Jane Eyre, ein Gespräch zwischen Jane und Helen.

Jane sagt in Empörung über die ungerechte Lehrerin zu Helen: "Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sie hassen; ich würde mich ihr widersetzen; wenn sie mich mit dieser Rute schlagen sollte, würde ich sie ihr aus der Hand reißen. Ich würde sie ihr vor der Nase entzweibrechen." "Wahrscheinlich würdest du nichts dergleichen anstellen", sagt Helen ... "Es wäre deine Pflicht, es zu ertragen, da du es nicht vermeiden kannst. Es ist ein Zeichen von Schwäche und Dummheit, wenn du sagst: Ich kann es nicht ertragen, denn du musst nun einmal ertragen, was dir dein Schicksal bestimmt hat."

Es tut der Leserin von "Jane Eyre" gut, dass die kleine, herumgestoßene Gouvernante Jane, das Waisenkind, letztlich durch ihre Charakterstärke und ihren Widerstand als Siegerin aus den Situationen hervorgeht. Im Roman ist es möglich, dass die Gegenspieler und Widersacher Jane Eyres ihre gerechte Strafe erhalten. Alle Personen, die Janes Weg wohlwollend begleitet haben, werden hingegen belohnt.

Mr. Bocklehurst alias Rev. Wilson z. B. wird diskreditiert und verliert die Leitung der Lowood-Schule, was die Leserin mit Befriedigung erfüllt.

Im wahren Leben nimmt die Geschichte jedoch einen etwas anderen Lauf: Charlotte muss erleben, dass ihre beiden älteren Schwestern Maria und Elisabeth in kurzen Abständen durch die unzumutbaren Zustände in Cowan Bridge sterben. Geschwächt von Unterernährung, körperliche und seelische Misshandlungen, eine Typhusepidemie, sterben die beiden Mädchen im Alter von 10 und 11 Jahren an Tuberkulose.

Ein Rätsel wird bleiben, warum der Vater Patrick Brontë nicht sofort alle seine Töchter von der Schule zurückholt, als er vom Zustand seiner Ältesten erfährt und sie heimbringt. Kurz danach wird offenbar, dass auch Elisabeth schwer krank ist. Auch sie stirbt, kaum dass sie wieder im Pfarrhaus ist. Erst da begreift Mr. Brontë, dass seine jüngeren Töchter Charlotte und Emily ebenfalls in Gefahr sind und holt sie nach Hause, wo die zwei zusammen mit Anne und Branwell die nächsten 6 Jahre als kleine geschlossene Kindergemeinschaft verbleiben sollen. Ihre schulische Bildung wird wieder von ihrem Vater aufgenommen. Diese vermutlich für die vier Kinder glückliche gemeinschaftliche Zeit endet erst, als Charlotte, die nun die Älteste ist, mit 14 Jahren auf die Internatsschule Roe Head geht.

 

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