Anne Brontë
 

 

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Agnes ist die jüngere Tochter eines Pfarrers (wie Anne Brontë selbst auch). Die Familie könnte ein schönes Leben und gutes Auskommen haben, aber der geschäftsuntüchtige Vater spekuliert mit Geld und treibt damit die Familie in die finanzielle Enge.

Agnes wurde als die Jüngste immer von allen verwöhnt und niemand traut ihr wirklich etwas zu. Als sie sieht, wie ihre Eltern finanziell zu kämpfen haben, fasst sie den kühnen Plan, sich eine Stelle als Gouvernante zu suchen, fest entschlossen, ihre Familie zu unterstützen.

Agnes hat sehr idealistische Vorstellungen über ihre Tätigkeit, doch schon in ihrer ersten Stelle, bei den Bloomfields, lernt sie schmerzlich die Realität kennen: Die Kinder sind hoffnungslos verzogen, weil die Eltern ihnen jede Neigung durchgehen lassen. Von den Eltern mit keiner Entscheidungsbefugnis und Autorität ausgestattet, soll Agnes die Kinder unterrichten und betreuen. Doch die Kinder denken nicht daran, das zu tun, was ihre Gouvernante will. Agnes wird zwischen den Fronten der Kinder, der Eltern und erwachsenen Verwandten und der Dienerschaft zerrieben und scheitert in ihrer ersten Stelle.

Ihre Familie muss aber staunen, als Agnes nicht so leicht aufgibt: Sie ist entschlossen, sich eine neue Stelle zu suchen und findet sie bei den Murrays. In der Realität ist Anne Brontë nach der Entlassung aus der Familie Ingham, die Vorbild für die Bloomfields darstellt, völlig verstört und stottert wieder verstärkt. Die Romanheldin Agnes hat mehr Selbstvertrauen und bekennt an einer Stelle: "Ein Mensch mit einem regelmäßigen Lebenswandel und vernünftigen Ansichten verzweifelt niemals". Bei den Murrays sind Agnes' vier Schüler älter und verständiger als bei den Bloomfields. Die beiden frechen Jungen kommen bald auf eine Internatsschule, und die zwei Mädchen bleiben unter Agnes' Obhut. Rosalie, die Ältere der Schützlinge, ist eine Schönheit und hat nichts anderes im Sinn, als zu gefallen und sich einen reichen Mann zu angeln.

Die Aussage des Romans liegt, neben einer detaillierten, gut beobachteten Beschreibung des Gouvernantenlebens in den Unterschieden, die die beiden jungen Frauen, die Lehrerin Agnes und die jugendliche Rosalie, in ihren Beziehungen zu Männern erleben.

Agnes muss miterleben, wie Rosalie eine Schwäche für den Pfarrer des Ortes, Mr. Hatfield, entwickelt. Doch für Rosalie ist klar, diese Verbindung wäre keineswegs standesgemäß. So spielt sie mit den Gefühlen des Pfarrers und demütigt ihn, als er sich ermutigt sieht, ihr einen Antrag zu machen. Wider besseres Wissen, gedrängt von ihrer ehrgeizigen Mutter, heiratet Rosalie kurz darauf einen unsympathischen, hässlichen Nachbarssohn, der einen großen Gutshof und viel Geld besitzt. Rosalies Mann ist Alkoholiker und Spieler. Er lässt seine junge Frau allein zu Hause bei seiner Mutter, eine unangenehme kalte Person, und treibt sich in Kneipen und Bordellen herum. Rosalie fühlt sich mit Anfang 20 schon lebendig begraben.

Zurück zu Agnes: Während Rosalie ihre Männerspielchen und Tändeleien abzieht, entsteht in Agnes eine Verliebtheit und Neigung für den neuen Hilfspfarrer des Ortes, Mr. Weston. Der ist selbstverständlich ein charakterfester Mann durch und durch. Die Leserin ahnt, dass Weston auch eine Zuneigung für Agnes hat, doch da der Roman nur aus der Sicht der Ich-Erzählerin Agnes geschrieben ist, durchleben wir zusammen mit Agnes alle Ängste, Unsicherheiten, Zweifel, die sich aus den unausgesprochenen Liebesgefühlen für sie ergeben.

Eine meiner Lieblingsszenen des Buches behandelt diese Unsicherheit der Verliebten:

Agnes begleitet jeden Sonntag die Murray-Töchter in die Kirche. Dort hat sie, seitdem Weston da arbeitet, ausgiebig die Gelegenheit, ihn zu beobachten und ihn heimlich anzuhimmeln. Wie oft denkt sie: Was wäre es schön, wenn er mich mal anspräche.

Einmal, als die Kirche aus ist, regnet es stark. Rosalie wird vom Kutscher mit dem Schirm an der Kirchentür abgeholt, Agnes steht noch etwas unschlüssig da in der Aussicht, nun gleich ohne Schirm durch den Regen zur Kutsche laufen zu müssen.

"Ich war im Begriff, hinterher zugehen, doch auch Mr. Weston hatte einen Schirm und bot mir seinen Schutz an, denn es regnete in Strömen.

"Vielen Dank, der Regen macht mir nichts aus", sagte ich. Es hat mir immer an gesundem Menschenverstand gefehlt, wenn ich überrumpelt wurde.

"Aber Sie haben Regen doch auch nicht gerade gern - oder? auf alle Fälle wird Ihnen ein Schirm nichts schaden", erwiderte er mit einem Lächeln, das zeigte, er war nicht gekränkt, was ein Mann von nicht so friedfertigem Naturell oder weniger Verständnis bei einer solchen Zurückweisung seiner Hilfe bestimmt gewesen wäre.

Ich konnte die Wahrheit seiner Behauptung nicht bestreiten und ging also mit ihm zum Wagen; dann half er mir sogar beim Einsteigen, eine unnötige Höflichkeit, die ich jedoch, um ihn nicht zu beleidigen, ebenfalls annahm. Er schenkte mir einen Blick, ein Lächeln beim Abschied - ein flüchtiges Lächeln, doch ich las darin - oder glaubte es wenigstens - eine Bedeutung, die in meinem Herzen eine hellere Flamme entzündete, als je in ihm entfacht worden war."

Die beginnende kleine Liebesgeschichte zwischen Agnes und Weston scheint jedoch bald schon wieder zu Ende zu sein: Rosalie heiratet, die jüngere Tochter Matilda geht ins Internat, und für Agnes gibt es bei den Murrays nun nichts mehr zu tun. Agnes muss auch nach Hause zurück, weil ihr Vater gestorben ist und ihre Mutter ihrer Hilfe bedarf.

Agnes und ihre Mutter haben nun die Idee, gemeinsam eine kleine Internatsschule für Mädchen in einer schönen Gegend von Yorkshire zu eröffnen. Ihre Wahl fällt auf einen reizenden Ort am Meer. Es wird zwar im Buch nicht genau angegeben, um welchen Ort es sich handelt, doch alles deutet auf den Badeort Scarborough hin, in dem Anne Brontë mit der Familie Robinson (Vorbild für die Murrays) oft die Sommerfrische verbrachte. In Scarborough befindet sich auch Annes Grab, weil sie vor ihrem Tod nochmals dort hinfahren wollte. Die Rückreise schaffte sie nicht mehr.

Was ist in der Zwischenzeit aus Weston geworden. Vor ihrer Abreise von den Murrays hatte Agnes nur ganz wenige Möglichkeiten, mit ihm zu sprechen. Sie denkt noch oft an ihn, hat aber kaum Hoffnung, ihn je wieder zu sehen. Als sie ihren ehe­maligen Schützling Rosalie in ihrem neuen Herrenhaus besucht, erfährt sie, dass Weston sich mit dem Pfarrer verstritten hat und nun irgendwo anders hingezogen ist, niemand weiß, wohin.

Agnes ahnt natürlich nicht, dass Weston herausbekommen hat, in welcher Stadt sie wohnt und sich eine Pfarrersstelle in der Nähe gesucht hat.

Auch die Leserin - weniger als Agnes - ist überrascht, dass die beiden sich am Strand von Scarborough bei einem Morgenspaziergang treffen.

Unvergleichlich sind am Ende des Buches die Gespräche geschildert, die sich nun zwischen den beiden Verliebten entwickeln.

Eine Kostprobe:

Die beiden haben sich gerade am Strand getroffen, und Agnes ist schon wieder zu verwirrt, um sich vernünftig mit Weston zu unterhalten.

Weston sagt: "Sie fragen mich nicht, was mich nach A... führt (Scarborough)", sagte er. "Sie können nicht annehmen, ich sei reich genug, um zu meinem Vergnügen hier zu sein."

"Ich hörte, Sie haben Horton verlassen."

"Sie wussten also nicht, dass ich die Pfarrei von F... bekommen habe?" F... war ein etwa zwei Meilen von A... entferntes Dorf.

"Nein", sagte ich; "wir leben selbst hier so völlig zurückgezogen, dass wir nur selten von irgend jemand Neuigkeiten erfahren .... Doch hoffe ich, Ihre neue Gemeinde gefällt Ihnen; und ich darf Ihnen zu der Veränderung gratulieren?"

"Ich nehme an, ich werde meine Gemeinde in ein, zwei Jahren lieber mögen, wenn ich gewisse Verbesserungen, an denen mir liegt, durchgeführt oder zumindest ihrer Verwirklichung um ein paar Schritte näher gekommen bin. Aber Sie können mir jetzt schon gratulieren; denn ich finde es sehr angenehm, eine Gemeinde ganz für mich zu haben, ohne dass mir irgend jemand dreinredet, der meine Pläne vereitelt oder meine Anstrengungen lähmt; außerdem habe ich ein anständiges Haus in einer recht netten Gegend und dreihundert Pfund im Jahr; im großen Ganzen habe ich wirklich über nichts als über Einsamkeit zu klagen, und mir bleibt nur noch der Wunsch nach einer Gefährtin offen."

Bei den letzten Worten sah er mich an, und das Aufleuchten seiner dunklen Augen schien mein Gesicht in Brand zu setzen, zu meiner großen Verwirrung, denn es war unerträglich, in diesem entscheidenden Moment Verlegenheit zu zeigen. Ich bemühte mich darum, dem Übel abzuhelfen und jede persönliche Auslegung der Bemerkung durch eine hastige, reichlich unbeholfene Antwort zu leugnen, indem ich nämlich sagte, dass, wenn er wartete, bis er in der Gegend gut bekannt wäre, er zahlreiche Gelegenheiten finden könne, seinem Bedürfnis unter den Bewohnerinnen von F... und der Nachbarschaft oder den Besucherinnen von A..., falls er eine so große Auswahl brauche, abzuhelfen; von dem Kompliment, das in dieser Behauptung lag, merkte ich nichts, bis seine Antwort es mir zum Bewusstsein brachte.

"Ich bin nicht so eingebildet, das zu glauben", sagte er, "obwohl Sie es mir sagen; doch selbst wenn dem so wäre, habe ich meine eigene Auffassung von der Beschaffenheit meiner künftigen Lebensgefährtin und würde vielleicht unter den Damen, die Sie erwähnen, keine zu mir passende finden."

"Wenn Sie Vollkommenheit verlangen, werden Sie sie niemals finden."

"Das tue ich nicht - ich habe kein Recht dazu, denn auch ich bin ja weit entfernt von aller Vollkommenheit."

Glücklicherweise wird hier das Gespräch durch vorrüberrumpelnde Strandkarren un­terbrochen, und die nächsten 10 Minuten gehen die beiden mehr oder weniger schweigend nebeneinander her. Dann fährt Weston in seinen Ausführungen fort:

"Sie kommen, glaube ich, nicht oft an den Strand", sagte er, "denn ich bin seit meiner Ankunft oft morgens und abends hier spazierengegangen und habe Sie bis heute nie gesehen; ich habe mich auch mehrere Male auf dem Weg durch die Stadt nach Ihrer Schule umgesehen - aber nicht an die ....-Straße gedacht; ein- oder zweimal habe ich zudem Erkundigungen eingezogen, ohne die gewünschte Antwort zu erhalten."

Spätestens hier hätte Agnes merken müssen, was Weston für sie empfindet, doch der arme Weston hat es schwer. Agnes steht weiterhin völlig auf dem Schlauch.

Weston lässt sich jedoch nicht so leicht entmutigen und fängt an, Agnes und ihre Mutter regelmäßig zu besuchen. Eines schönen Sommerabends, die Luft ist gereinigt durch einen Gewitterregen und es steht ein wunderbarer Sonnenuntergang bevor, kommt er zu den beiden und lädt Agnes ein, mit ihm einen Strandspaziergang zu machen.

Agnes ist schon irgendwie beunruhigt, weil Weston so ernst und geistesabwesend ist. Agnes: "Als wir die halbe Höhe des Hügels hinter uns hatten, verfiel ich in Schwei­gen, das er, wie gewohnt, als erster brach.

"Mein Haus ist immer noch leer, Miss Grey", bemerkte er lächelnd, "und ich kenne jetzt alle Damen meiner Gemeinde und auch einige dieser Stadt; viele andere kenne ich vom Sehen und Hörensagen, doch keine ist die richtige Gefährtin für mich; in der Tat gibt es nur einen Menschen, der das ist, und das sind Sie selbst; ich möchte Ihre Antwort wissen."

"Ist das Ihr Ernst, Mr. Weston?"

"Mein Ernst! Wie können Sie denken, ich scherze bei so einer Frage?"

Er legte seine Hand über die meine, die auf seinem Arm ruhte; er muss gefühlt haben, wie sie zitterte, aber das machte jetzt nicht mehr viel aus.

"Ich hoffe, es kommt Ihnen nicht allzu überraschend", sagte er in ernstem Ton. "Sie müssen gewusst haben, dass es nicht meine Art ist, zu schmeicheln und süßlichen Unsinn zu reden oder auch nur die Bewunderung, die ich empfinde, auszusprechen;..."

So lange hat Agnes sich nach diesem Moment gesehnt, schafft es aber nicht, gleich ihr Ja-Wort zu geben.

Erst nachdem Weston die Bedenken wegen ihrer Mutter, die Agnes nicht allein mit der Schule lassen will, aus dem Weg räumt (er hat selbstverständlich schon längst mit der Mutter gesprochen und ihre Zustimmung erhalten), bekommt Weston ihre Einwilligung.

Im Gegensatz zu Anne Brontës zweitem Buch, "Die Hüterin von Wildfell Hall", erregte die Geschichte der Agnes Grey wenig Aufsehen. An einigen Stellen enthält das Buch jedoch schon den gesellschaftlichen Sprengstoff des Nachfolgebuches: Erziehungsziele, Werte der Gesellschaft, Unterdrückung und Demütigung der unteren Klassen, damit setzt Anne Brontë sich auseinander. Ungewohnt für die Entstehungszeit des Buchs ist die sehr realistische Beschreibung des Lebens der arbeitenden Bevölkerung, hier der Gouvernante. Man könnte das Buch als einen Vorläufer des späteren Sozialromans begreifen. Unerreicht scharfsinnig beobachtet sind einige Charakteristiken von Personen, die Agnes begegnen.

Das Buch Agnes Grey kommt weniger spektakulär und brillant daher als die Werke der beiden Schwestern Annes, hat aber durchaus seinen eigenen Charme.

 

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